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Beeindruckend, was das Jahrtagsbuch von 1593 verrät!

Am 02.07.2019 konnten sich Interessierte einen Einblick in die Stadt- und Kirchengeschichte von 1593 verschaffen. 

Ortheimatpfleger Stephan Wiltsche stellte in einem sehr beeindruckenden Vortrag einen weiteren Archivschatz der Archivgruppe von St. Martin vor:

In Schweinsleder gebunden, durch einen hölzernen Anteil geschützt, Pergamentseiten mit beeindruckenden Handschriftendas Wangener Jahrtagsbuch von 1593

Einleitend gab er einen Überblick über die spätmittelalterliche Frömmigkeit, den Jahrtag ab Memoria und den verbundenen Totenkult. Solidarität im Gebet für Verstorbene sollte dem Verstorbenen durch das Fegefeuer hindurch helfen, wodurch er geläutert wurde. Im 12./ 13. Jahrhundert war die Vorstellung eines Fegefeuers endgültig in der Volksfrömmigkeit verankert und ab da von der Bezeichnung gebräuchlich. 

Der Totenkult war ausgiebig für zahlreiche Meßstiftungen, die im Kalendarium (Zeitberechnung im Mittelalter) eingetragen wurden. So wurde gesichert, dass die richtige Messe gelesen wurde.

Wie diese Tage richtig zu lesen sind, ist eine Wissenschaft und hatte auch wirtschaftliche Gründe. Der älteste der Kapläne (Prokurator) verteilte die Einkünfte in Form eines Präsenzgeldes und musste kontrollieren, ob Meßstiftungen erbracht wurden. Seelsorge und Leibsorge waren im Mittelalter eng verbunden. 

In genauen Angaben sind die Jahrtage/Jahrtagsstiftungen festgehalten:

Name des Stifters, Meßintentionen, Ausführung des Stifterwillens und deren Bezahlung (Kleriker, Chorknaben, Räuchlerin, Organist und dessen Balgtreter, Mesner, Heiligenpfleger, Schulmeister…), aus welchem Gut die Einnahmen stammen, Liturgische Anweisungen, Spendbote/Armenspeisung als Verbindung von Memoria und Caritas, Anweisungen bei Verdrängung durch bewegliche Feste. Hier gab es eine Rangordnung der Feststufe: wenn mehrere vorhanden waren, wurde genau festgelegt, welches gelesen wurde (z. B. Duplex)

Die Stifterurkunden wurden in einer feuerfesten Truhe aufbewahrt. Die Truhe ist heute noch vorhanden, die Stifterurkunden wurden im 19./20. Jahrhundert radikal von Siegelsammlern “ausgeplündert”.

Das Jahrtagsbuch war wichtig für die Kalenderberechnung. 

Damals lebten die Menschen recht zeitlos. Es war schwierig, Jahreszeiten zu bestimmen,  Sonnenjahr und Mondjahr mussten in Einklang gebracht werden. Man orientierte sich an der Sonnenuhr, die die örtliche Zeit angab, die sehr variierte und flexibel war, weil jeder Ort eine andere Zeit hatte. Man brauchte einen Experten vor Ort, was meist ein Mesner oder Kleriker war, der die Zeit festhielt.  Mit Hilfe eines Merkgedichts (Cisiojanus),  das als Vers-Kalender bei der Datierung der unbeweglichen Heiligen- und Feiertage der römisch-katholischen Kirche half, fand man in der Durchzählung der Versreime die Tage der Feiertage.

Das Jahrtagsbuch  fußt auf ein altes Buch und zeigt die Erneuerung des Anniversaires 1593. Die gregorianische Kalenderreform begann in Wangen im Dezember 1583 und führte zur Notwendigkeit der Erneuerung des Jahrtagsbuchs und seines Kalendariums aus einem älteren Jahrtagsbuch heraus. Abweichungen im Kalender wurden kurzerhand in einer Verkündigung durch Pfarrer und Bürgermeister “bereinigt” (man ging an einem Tag in die Kirche hinein und kam an einem ganz anderen wieder heraus). 

In diesem Jahrtagsbuch wurde alles neu geordnet.

Die systematische Auswertung der Jahrtagsbücher bringt insgesamt neue Erkenntnisse zum Leben und auch der Baugeschichte in Wangen.

Stephan Wiltsche erzählte von der Alten Sakristei, die früher eine Kapelle war (erst 1845 wurde die Kirche auf ihre heutige Größe gebracht).  Der heutige Gemeindesaal war damals eine Totenkapelle mit 2 Altaren, der Baubeginn der Rochus-Kapelle ist verzeichnet, in der Pestzeit wurde der Stefanusaltar zum Sebastianaltar. Er berichtete, wie Hans vom Stall Wangen die Ursus-Reliquie (Schenkelknochen) verschafft, Passionsspiele als Mysterienspiele im Mittelalter eine große Rolle spielten und hierbei viele Menschen mitmachten. 

Zum Abschluss konnten die Anwesenden im Jahrtagsbuch noch über den großen Stadtbrand am 01. September 1539 lesen, als “140 Fürst verbrunnen” und der “Übeltäter ist hernach zu Obermarchtal gerichtet worden”.

Edgar Mink, ebenfalls Mitglied der Archivgruppe von St. Martin, blätterte für die Gäste im Jahrtagsbuch und zeigte viele, sehr gut erhaltene Schriften und Berichte.

Man darf gespannt sein, wohin uns der nächste Archivschatz von St. Martin führt!

 

Lesen Sie hierzu auch den interessanten Bericht von Vera Stiller: 
https://www.schwaebische.de/landkreis/landkreis-ravensburg/wangen_artikel,-über-altäre-almosen-und-brandstifter-_arid,11078107.html